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Jahrestagung der SWDGU versprüht regional-internationalen Charme
HEILBRONN (mf) - Operationenszenen flimmern auf großen 16:9-Flachbildschirmen im Hintergrund. Menschen tummeln sich davor unterhalten sich und blicken von Zeit zu Zeit auf die Monitore und betrachten unter anderem einen laparoskopischen Eingriff: Video-Poster sind nur eines der zahlreichen Highlights der 49. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie (SWDGU), der vom 30. April bis zum 3. Mai im Harmonie, Konzert- und Kongresszentrum der Stadt Heilbronn stattfand. 'Erstmals in Europa wurden Video-Posters gezeigt. Ich hatte das auf einem Kongress in Cleveland gesehen und war als Technikfan sofort begeistert. Das wollte ich auch Deutschland etablieren, weil das Anpinnen der Poster entfällt', erklärte Kongresspräsident Prof. Jens Rassweiler gegenüber den Urologischen Nachrichten. Damit garantiere man die gleiche Qualität für alle Präsentationen. 'Das passt jetzt alles auf einen USB-Stick. Damit gehören die 'Architektenrollen' als Markenzeichen der Kongressteilnehmer der Vergangenheit an', betonte Rassweiler.
Eine weitere technische Besonderheit waren zahlreiche Live-Operationen, die alle in der Urologie des Klinikums Heilbronn durchgeführt wurden. Am ersten Tag wurden insgesamt acht Live-Operationen gezeigt: flexible URS, rigide Cystoskopie, flexible Cystoskopie, Instillation von Botolinum-Toxin bei überaktiver Blase, TRUS-Biopsie und TRUS-Dodekantenbiopsie mit sofortiger Selbsteinbettung. Am zweiten Tag gab es drei große laparoskopische Eingriffe zu bestaunen: CT-navigierte transperitoneale laparoskopische Nierentumorexcision, Ultraschall-kontrollierte retroperitoneale laparoskopische Nierentumorvereisung (Cryotherapie), und TRUS - navigierte extraperitoneale laparoskopische radikale Prostatektomie. Am letzten Tag wurden dann wieder acht Operationen präsentiert: TUR-P in Kochsalz (TURIS), bipolare TUR-P,plasmakinetische Resektion, KTP-Laservaporisation, Thulium-YAG-Laserenukleation, Dioden-Laserablation und transurethrale Laserenukleation (TULP). 'Die Präsentation von Live-Operationen ist sehr schwierig. Sie müssen erst einmal die ganzen Patienten mit den entsprechenden Krankheiten bekommen, die eine Operation ausgerechnet in dieser Woche benötigen. Das ist eine logistische Mammutaufgabe und wäre ohne die Unterstützung ansässigen niedergelassene Urologen gar nicht möglich gewesen', betonte Rassweiler.
'Dementsprechend waren die Live-Operationen nicht nur für Kliniker, sondern auch für Niedergelassene sehr interessant', blickte Dr. Helmut Haas, Schriftführer der SWDGU, zurück. 'Generell wurden die Niedergelassenen sehr gut miteinbezogen, so dass ein ausgewogenes Verhältnis bestand', lobte Haas weiter. Das Verhältnis niedergelassene Kongressteilnehmer zu Teilnehmer aus der Klinik schätzte Haas auf Eindrittel zu Zweidrittel. Das Konzept, dass man gerade auch die Niedergelassenen in die Veranstaltungsreihen mit einbeziehe und 'nicht nur die großen Namen ans Rednerpult treten lasse', gehöre laut Haas bereits seit 2001 zum Charakter des SWDGU-Kongresses: 'Aus der Praxis für die Praxis'. 'Das ist auch gerade für die jungen Urologen wichtig, denn gerade sie brauchen ein Forum. Das belebt das Fach und schafft die richtige Dimension', betonte Haas.
'Und der Regionalkongress hat genau die richtige Dimension', so Rassweiler. Zumindest was die Teilnehmerzahl angeht. Zur Jahrestagung kamen insgesamt 1300 Fachbesucher - cirka 800 Ärzte (100 interdisziplinäre Ärzte aus der Gynäkologie, der Kinderheilkunde und der Allgemeinmedizin), 300 Industrievertreter, 100 Besucher aus dem Pflegebereich und 100 sonstige Teilnehmer - in die Stadt in der Neckartalebene. 'Das waren mehr Teilnehmer als sonst', stellte Haas fest. Cirka 100 Teilnehmer aus dem umliegenden Ausland besuchten die Jahrestagung. Doch auch von weiter weg reisten Urologen an: Teilnehmer aus Jordanien, Israel, der Türkei und Rumänien kamen nach Heilbronn und verliehen der Jahrestagung ein regional-internationales Flair auf hohem Niveau. Insgesamt waren Urologen aus 14 verschiedenen Nationen vertreten. 'Wir bemühen uns stark die Nachbarländer Schweiz, Frankreich und Luxemburg miteinzubinden. Das macht die Struktur des SWDGU-Kongresses aus', erklärte Haas.
Doch gerade in punkto Struktur der Regionalkongresse wird im Fach kontrovers diskutiert. Angesichts der Überlegungen, wie man Regionalkongresse in Zukunft gestalten müsse, mahnt Haas zur Vorsicht. 'Vereinigungen von Gesellschaften sind zwar richtig, aber man darf den Fusionismus nicht übertreiben. Dann verliert ein Kongress seinen regionalen Charme', so Haas. Der bestehe gerade aus der regionalen Vertrautheit der Teilnehmer. 'Wird das Umfeld zu groß, dann fällt die Identifikation weg. Man baut besser persönliche Verhältnisse auf, wenn das Umfeld regional bleibt.' Außerdem dürfe man die Anreisewilligkeit der Teilnehmer nicht überstrapazieren. Doch Haas hat auch schon Lösungen parat: 'Wir stellen uns vor, mit sonstigen Veranstaltungen, die über das ganze Jahr verstreut stattfinden, bei unseren Regionalkongressen zu kooperieren. Das gäbe Synergien.' Von einer Veränderung des Veranstaltungsrhythmuses hält Haas nichts: 'Die Gesellschaften verlieren ihre Bindungen, wenn solche Veranstaltungen nur alle zwei Jahre stattfinden würden.' Deswegen wird auch der nächste Regionalkongress in einem Jahr (21. bis zum 23. Mai 2009) in Freiburg unter dem Kongresspräsidenten Prof. Jürgen Breul stattfinden.
Doch neben solchen politischen Fragen sollten die wissenschaftlichen Schwerpunkte nicht vergessen werden. Im Fokus standen vor allem die Richtlinien der Facharztausbildung zur Andrologie und zur medikamentösen Tumortherapie, PCa-Screening (Frühdiagnostik von Knochenmetastasen bei Prostatakarzinom), N.O.T.E.S., Mikrorobotik für endoluminale Chirurgie, Computergestützten Navigation bei urologischen Operationen, Urologische Chirurgie im Grenzbereich, Orthomolekulare Medizin in der Urologie und Roboter-assistierte Chirurgie. 'Gerade die Schlusssitzung zur Roboter-assisitierten Chirurgie hat mir sehr gut gefallen. Wir hatten einen Mikrodetektionsroboter da, der gesteuert im Magen schwamm. Vorher hatte ich schon Mikroroboter gesehen, die sich krabbelnd fortbewegt haben, aber ein schwimmender Roboter war mir völlig neu', erklärte der Technikfan Rassweiler. Vielleicht sei der Mikroroboter auch bald in der Blase einsetzbar. Prof. Thomas A. Voegeli hielt daraufhin noch einen Gegenvortrag zu den Grenzen der Robotik. 'Das passte thematisch sehr gut', betonte Rassweiler. Insgesamt wurden cirka 250 Präsentationen und Vorträge gehalten.
Auch von der Industrieausstellung zeigte sich der Kongresspräsident begeistert. 'Der große Hörsaal war voll mit der Industrieaustsellung. Wir waren schon sehr früh ausgebucht, so das ich mir finanziell keine Sorgen machen musste. Gerade durch das Angebot der Live-Chirurgie bekommt man gut Sponsoren', erklärte Rassweiler. So können auch Regionalkongresse erfolgreich absolviert werden. Wichtig sei vor allem, dass die Kongresse nicht in Universitäten stattfinden. 'Es ist meiner Ansicht nach falsch Kongresse aus Kostengründen in den Universitätsräumen abzuhalten. Das erzeugt ein falsches Flair. Gerade für eine Stadt ist es schön, Austragungsort zu sein, weil sie auch davon profitiert. Die Stadt freut sich und wir auch, weil wir zeigen können, das wir aktiv sind. Das ist wichtig den Patienten und der Politik gegenüber', betonte Rassweiler. Deshalb sei es auch notwendig einen Patiententag zu etablieren, den cirka 100 Menschen wahrnahmen. 'Es ist einfach wichtig, dass Patienten wissen, was ein Greenlight- oder ein Holmium-Laser ist. Das erleichtert auch unsere Arbeit', erklärte der Kongresspräsident.
Für richtiges Flair sorgte dann das Rahmenprogramm. 'Der Festabend im Audi-Forum war sehr schön. Die Uroband hat seit vier Jahren das erste Mal wieder gespielt', blickte Rassweiler auf die Festveranstaltung zurück. Er selbst spielt in der Band Gitarre. 'Das ist mein ganz persönliches Steckenpferd', schwärmt der Kongresspräsident. Auch sportlich hatte die Jahrestagung einiges zu bieten. Eine SWDGU-Auswahl mit unter anderem Prof. Kälble, Prof. Melchior und Prof. Braun spielte gegen eine zusammengewürfelte Mannschaft aus ehemaligen Profifußballern. Ergebnis: drei zu drei und 2500 Euro Spendeneinnahmen für die Jugendmannschaft des FC Heilbronn. Es scheint, dass sich der Kongress nicht nur für südwestdeutschen Urologen gelohnt hätte.
Artikel von Martin Fleischmann für die 'Urologischen Nachrichten'
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